Internationaler Willy-Brandt-Preis

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Der eine fand die richtigen Worte als sein Volk im Schock erstarrt war. Der andere schweigt nicht, obwohl ihn ein Diktator dazu zwingen will. Am Donnerstagabend wurde der Internationale Willy-Brandt-Preis an zwei mutige Männer verliehen: den norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg und den weißrussischen Oppositionellen Nikolai Statkevich.

Am Ende sitzt niemand mehr im rappelvollen Atrium des Willy-Brandt-Hauses. Alle sind sie von ihren Plätzen aufgestanden und applaudieren. Sie applaudieren zwei Preisträgern, zwei Männern, die mutig für Freiheit und Demokratie eintreten, während andere sprachlos sind. Der eine, Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, hat das Schweigen gebrochen als sich sein Land nach einem schrecklichen Terroranschlag in Schockstarre befand.

Es war der 22. Juli 2011 als der Rechtsextremist Anders Breivik zunächst in der Osloer Innenstadt mit einer Autobombe acht Menschen in den Tod riss. Danach fuhr er auf die Insel Utøya und erschoss dort 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendcamps. „Norwegen wird diesen Angriff beantworten“, kündigte Stoltenberg kurz darauf an: „mit mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Solidarität, aber niemals Naivität“. Der norwegische Ministerpräsident traf den Nerv seines Volkes. Statt Hass und Vergeltung zu üben, gingen sie daran, die Ursachen von Extremismus zu bekämpfen.

Werte als Waffe

„Jens Stoltenberg gab ein Vorbild“, beschreibt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Rolle des Ministerpräsidenten am Donnerstagabend in seiner Laudatio. Die Jury des Internationalen Willy-Brandt-Preises habe sich für ihn als Preisträger entschieden, „weil Du in einer herausfordernden Situation, angesichts einer unfassbaren Tragödie etwas Außergewöhnliches getan hast“. Damit stehe Stoltenberg in einer Reihe mit Politikern wie Nelson Mandela, Michail Gorbatschow und eben Willy Brandt.

„Unsere Werte sind unsere Waffe“, streicht Jens Stoltenberg auch in seiner Danksagung heraus. In einer Zeit, in der Rassismus und Extremismus sich rasend schnell ausbreiteten, sei allerdings nicht nur die Politik gefordert. Und deshalb lautet Stoltenbergs Forderung: „Jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen und den Extremismus bekämpfen!“ Er hat dies vorgemacht. Die 25 000 Euro Preisgeld wird er für den Wiederaufbau des Feriencamps auf Utøya spenden.

Einsatz für die Demokratie


Einen Kampf führt auch der Träger des Sonderpreises. Im Dezember 2010 wurde Nikolai Statkevich in der Minsker Innenstadt verhaftet, und wegen „Aufruhrs gegen die Staatsgewalt“ angeklagt. Sein Vergehen: Der oppositionelle Präsidentschaftskandidat hatte es gewagt, mit Zehntausenden anderen gegen den gerade unter antidemokratischen Bedingungen wiedergewählten weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko zu demonstrieren.



„Sein einziges Verbrechen war sein Eintreten für freie demokratische Wahlen“, beschreibt Egon Bahr sarkastisch die Hintergründe von Statkevichs Verhaftung. Die Jury des Internationalen Willy-Brandt-Preises habe sich entschieden, dem weißrussischen Dissidenten einen Sonderpreis für politischen Mut zu verleihen – dessen couragierten Einsatz für die Demokratie zu würdigen und gleichzeitig Präsident Alexander Lukaschenko aufzufordern: „Lassen Sie Nikolai Statkevich und die anderen politischen Gefangenen endlich frei!“



„Mein Vater ist ein mutiger Mensch und die SPD ist eine mutige Partei“, betont auch Statkevichs Tochter Katja, die gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Stiefmutter den Preis stellvertretend für ihren Vater entgegennimmt. „Es ist mutig, einen Menschen in der Haft jahrelang zu unterstützen und ihn nicht aufzugeben.“ So kann Mut anstecken.

von Kai Doehring

 
 

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